Frau Fabritius, Sie nutzen für die Qualifikation von Führungskräfte das Konzept des »Neuroleadership«. Was bedeutet dieser Begriff? 

Neuroleadership ist die Nutzbarmachung von Erkenntnissen der Hirnforschung für die Führung von Mitarbeitern. Ein entscheidender Erfolgsfaktor dabei ist es, die Erkenntnisse seriös zu interpretieren und dann ganz pragmatisch für den Führungsalltag zu übersetzen, so dass Führungkräfte das Wissen auch umsetzen und nutzen können.

Worum konkret geht es bei Ihrem Trainings?

Der Fokus liegt auf drei Themen: Lernen und Verhaltensänderung, Peak Performance sowie Führung und Zusammenarbeit. In allen drei Bereichen nutzen wir Erkenntnisse über das Gehirn, um Führungskräfte persönlich weiterzuentwickeln und ihnen dabei zu helfen, besser zu führen. Erstaunlich ist beispielsweise, dass das Gehirn sich auch im Alter sehr viel stärker verändern kann als früher angenommen. Diese Fähigkeit wird auch als »Neuroplastizität« bezeichnet – und kann Führungskräften helfen, Informationen schneller zu verarbeiten und eingefahrene Gewohnheiten zu verändern. Mit Hilfe dieser Methoden lässt sich etwa innerhalb von sechs Monaten fließend eine neue Sprache erlernen.

Und was verstehen Sie unter »Peak Performance«?

Dabei geht es darum, zu zeigen, unter welchen Bedingungen das Gehirn leistungsfähig ist. So sind für die rationalanalytische Problemlösung andere Gehirnareale und Bewusstseinszustände notwendig als für sogenannte Aha-Momente und kreative Problemlösungen. Oft glauben Unternehmen, dass man durch lange Arbeitszeiten und einen ständigen Einsatz die Leistung der Mitarbeiter erhöht. Dabei ist eine gute Idee, die in einem ruhigen Moment entsteht, für das Unternehmen viel wertvoller als mittelmäßige Leistung durch überlastete und unausgeschlafene Mitarbeiter. Entsprechend sollten Führungskräfte darüber nachdenken, wie sie ein Arbeitsumfeld schaffen können, in dem sie selbst und ihre Mitarbeiter nachhaltig leistungsfähig sind. Wichtig ist dabei auf individuelle Unterschiede der Mitarbeiter einzugehen.

 

Welche aktuellen Veränderungen in der Arbeitswelt haben besonders großen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns?

Ein Beispiel ist etwa das »Always on« – dank Blackberry oder iPhone. Wer ständig online ist, wird auch ständig abgelenkt, die Folge ist ein messbares Sinken des IQ um bis zu zehn Punkte. Ähnlich ist es mit dem Multitasking. Und gerade bei Führungskräften kommt das viele Reisen hinzu. Diese Reisen sind oft sehr eng getaktet, Zeit für Sport oder guten Schlaf bleibt kaum. Dadurch werden Stresshormone nicht abgebaut. Das führt zu vermehrter Cortisolausschüttung – und schädigt den präfrontalen Cortex, einen Hirnbereich, der etwa für Entscheidungen und rationale Informationsverarbeitung zuständig ist. Man kann wirklich sagen: Das Gehirn schrumpft, wenn wir Stress nicht abbauen.

Sind mehr Videokonferenzen die Lösung?

Videokonferenzen sind kein wirklicher Ersatz für persönliche Begegnungen, denn im direkten Kontakt wird vermehrt Oxytocin ausgeschüttet. Dieser Stoff – den man als soziales Bindungshormon bezeichnen könnte – dient als Botenstoff im Gehirn. Er bewirkt eine Steigerung von Vertrauen, Empathie und Kooperation zwischen den beteiligten Personen. Besser ist es daher, die Meetings zu verkürzen, damit Führungskräfte diese Zeit dann für sich nutzen können. Denn Studien zeigen ohnehin, dass kürzere Besprechungen zu besseren Entscheidungen und Ideen führen.

 

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